/// PORTRAIT ///
Ralph Sonderegger
Mein aktueller Kontrabass
wurde vor ca. 100 Jahren in der Tschecheslowakei gebaut. Ein Viersaiter mit flachem Rücken und einer Stimme, welche die perfekte Balance hält zwischen Wärme, Knorrigkeit und Definition. Der Abstand der Saiten vom Griffbrett ist so hoch, dass ich mich darauf richtig hardcoremässeig austoben kann, nicht bloss doof herumzüpfeln wie auf einem dieser tiefergelegten Hochgeschwindigkeitsbässe.
Mein letzter Kontrabass
war ein echtes Meisterinstrument, von Franz Kirschnek im Schwarzwald gefertigt, mit einem wunderbar geflammten, runden Bergahorn-Rücken. Bei der Fahrt zu einem Lobith-Konzert kam Gaby mit Charlies rotem Toyota-Bus auf der verschneiten Autobahn ins Schleudern, und wir knallten nach einer 180gard Drehung seitlich in die Leitplanke. Abgesehen von meinem Bass wurde zum Glück niemand verletzt. Im Winter 2005 klebte mein Wohngenosse Andi die über 30 Holzteile mit transparentem Klebeband zu ihrer ursprünglichen Form zusammen, und jetzt steht das ehemalige schwarzwälder Meisterstück als Langzeit-Verwitterungsexperiment in unserem Garten.
Mein vorletzter Kontrabass
versetzte mit seinem abenteuerlichen, etwas abgefuckten Äusseren regelmässig die eher visuell orientierten Teile des Publikums in helle Ekstase. Sein Ton war, besonders in den unteren Lagen, erstaunlich satt und kräftig, was mir vor allem bei den vielen unverstärkten Feld- Wald- und Wiesenkonzerten mit osteuropäischer, irischer und appenzeller Musik, die ich in jener Zeit spielte, zugute kam.
Mein allererster Kontrabass
war eher grobschlächtig aus Sperrholz gezimmert. Dennoch erwachte in mir mit dem ersten Zupfen eine grenzenlose Begeisterung für die erdigen, tiefen Töne, die üppigen Formen und die Schlüsselfunktion zwischen Groove, Melodie und Harmonie. Sie hält bis heute an.
Ralph Sonderegger, Februar 2006
